Extremisten-Dialog und Generationen-Dialog

Hallo M.Z.,

klar, das ging auch mir so: wenn da ein Oldie weises Zeug erzählte, das nicht in meine "knallharte Reality" passte, dann gingen die Ohren zu. 

Aber es kam auch auf die Thematik, den Umgangston an - und es gab durchaus auch andere Erlebnisse: Pastor Niemöller oder Literaten, Lehrer. 

Im Prinzip hatte jeder seine Chance. Häufig wurde sie vertan. Manchmal nicht, manchmal missbraucht.

Und der Dialog hier? Für mich sowieso irgendwie okay, ansonsten wäre ich nicht so lange dabei: Extremisten spitzen mir Fragestellungen zu, denen ich mich anderenfalls nur halbherzig stellen würde. 

Darin liegt schließlich auch ein Moment "Wissenschaftlichkeit", denn es tut jeder These gut, "auf die Spitze getrieben" die Gegenmomente zu erkunden. 

In der Praxis wird solche Herangehensweise allerdings dann riskant, wenn das gedankliche Experiment im Labor unter meist nur vermeintlich kontrollierbaren Bedingungen nachvollzogen wird, wobei es Pannen geben kann - oder eben in der Politik, wo jedes Handeln in dem Maße Risiken schafft, wie es irreversibel ist bzw. die Fehlentwicklung und Rücknahme enorme Kosten verursachen kann. In finanzieller, aber auch moralischer Hinsicht, denn die Moral leidet mit jedem Crash, weil die Menschen danach streben, für ihr Versagen nicht zu haften.

Wären also die Extremisten nicht, so müsste man viele ihrer Thesen simulieren, um die richtigere Politik zu begründen. Auch das wäre möglich, wird vielfach gemacht, wäre politisch wünschenswert, aber gleich auch langweiliger und weniger Ansporn - zumindest für mich. 

Häufig jedoch verhält es sich mit der Extremisten-Debatte ganz anders: man profiliert sich auf Kosten ihrer ohne tatsächliche Alternativen zu bieten und verbreitert wieder Willen durch Pflichtvernachlässigung dem Extremismus die Bahn, denn letztlich entscheiden die Stimmungen oft mehr als die Vernunft.

Auch häufig kann passieren, dass man sich zu sehr auf den Tunnelblick von Extremisten einlässt, in dem man ihre verengten Sorgen im Dialog als ausschließliches Problem von Pro und Contra für alles nimmt und dabei übersieht, was sonst noch an Problemen und Lösungen ist. 

Man müsste sich also dessen bewusst bleiben, dass der Diskurs extremer Thesen nur eine unter mehreren Methoden politischen Kenntnisgewinns und politischer Auseinandersetzung ist, so dass der "Experten-Status" für den Dialog mit Extremisten für das praktische Leben an Bedeutung verlieren kann und selbst im Abseits landet, wenngleich dort und mit etwas Glück "ehrenvoll".

Auch deshalb sollte der "Experten-Status" niemandes Anliegen sein. Es genügt die "Berücksichtigung", die "Einbeziehung". 

Dass der Extremisten-Dialog bei uns übermaßen viel Raum einnimmt, liegt daran, dass die Gesellschaft vielfach Sprachlosigkeit leidet und nur auf enorme Spektakel reagiert, wenn also der Krug schon zu Bruch ging.

Wenn sonst kaum jemand Lust auf den Extremisten-Dialog hat, dann kommt auf uns davon mehr zu, was mitunter schädliches Ausmaß hat, denn deshalb bleiben bei uns andere Themen weitgehend auf der Strecke: Umweltschutz, Friedensforschung und was eigentlich noch alles mal angedacht war. Vor allem auch die kommerziellen Webs, denn die "guten Webs" sollten eigentlich nicht immerzu mittelbeschränkt vor sich hin dümpeln, sondern ihrer Laienhaftigkeit entkommen, die zwar "ganz nett" sein kann, aber auch Wirksamkeitsgrenze ist.

So gibt es mittlerweile einiges über uns, aber wenig "Begleitung" = Erwähnung in Literatur und auf vielen akademischen Webs, nicht aber Zuarbeit in den vielen bedürftigen Bereichen.

Und dann noch einmal zum Thema "Generationen-Dialog": 

so "unreif" vieles Denken junger Menschen auch ist, so hatte es doch auch immer a) Unverfälschtes und b) Verfälschtes von irgendwelchen Erwachsenen-Ideologien. 

In dem darin liegenden Spannungsverhältnis liegen widergespiegelte Realität und Unterlassungssünden: "Wie glaubwürdig sind diejenigen, die gegen jeglichen Sozialabbau und auch gegen jegliches Grenzregime votieren, aber nicht den Verbleib bezahlen, sondern sich trotz leerer Staatskassen noch die Diäten erhöhen und Wahlen damit gewinnen, dass sie eine Gutmenschlichkeit fordern ohne dafür den wahren Preis zu nennen, denn Verschuldung verschiebt nur den Zahltag?" 

Um welche Fragen mogeln wir uns also herum, was von dem Wohlstand, den die junge Generation einerseits schätzen und uns danken soll, andererseits für sie und auch uns übrig bleibt? 

Das sind schwierige Fragen. Und Teile der Jugend flöten rücksichtslosen Alten nach: "Ausländer raus", ohne zu sehen, dass sie damit nur andere und schlimmere Betrüger bedienen, aber die wirklichen Probleme des sich selbst weitgehend spontan zerrüttenden Systems und des Wohlstandsgefälles national und global bleiben unangetastet, ungelöst.

"Die Jugend" - darauf werden viele Sonntagsreden geschwungen, denn es sind morgen schon "Wähler" und längst "Konsumenten" mit Milliarden-Kaufkraft. 

"Die Jugend" - wird ebenso oft gescholten, also die in Entsprechung des Protests von Jugendlichen auch der Protest der Erwachsenen, denn "Generationskonflikt" war nie eine Einbahnstraße, wie er von Erwachsenen oft missverstanden oder "pädagogisch durchsichtig" bewusst falsch aufgefasst und dargetan wird.

In diesen Konflikten könnten beide Generationen lernen. Müssten es sogar, denn so verschieden sind sich die Generationen ja nicht. Gerade mal im Sortiment ihrer Mittel: die junge Generation mit Piercing, mit Sprühdose, Steinen, Baseballschlägern bishin zu Selbstmordattentaten - je nach "Umweltbedingungen" (=Erwachsenenwelt),

die Erwachsenengeneration mit Moral, Korruption, Recht, Justiz und Gesetzlosigkeit, wenn sie mit Bombern und Raketen ihrem Willen "letzten" Nachdruck verleihen.

Das Versagen des Einzelnen kann schwerwiegend sein. Regelmäßig hat die Schwere allerdings auch mit dem Systemversagen zu tun. Und unzweifelhaft ist mir, dass die Wirkungen eines insgesamt versagenden Systems regelmäßig schwerer wiegen als diejenigen des Einzelversagens.

Deshalb verstehe ich den Antifaschismus und jegliche Politik immer dual: als "Seelsorge" im Sinne von "Sozialarbeit am Einzelnen" und als Einflussnahme auf das System über Einzelnes zum Ganzen. = "Duales System" *LOL*, mal sehen, was davon zu gebrauchen ist.

Jedenfalls gibt es zum Dialog mit der "jungen Generation" nun schon gar keine Alternative. Das dürfte noch anerkannter sein als der Extremisten-Dialog. 
In diesem IniDia-Projekt kann es jüngeren und älteren Mitwirkenden folglich nur darum gehen, wie man ihn so führt, dass er real als Dialog stattfindet und Wirkung entfaltet, also weder als hysterischer Jugendaufschrei noch als bloße Sonntagsrede verhallt.

Die mir wichtigste These lautet dazu (wiederholt): Die Jugend ist kaum anders als die Alten. Und das könnten sie an ihren ersten und letzten Wünschen ersehen, um sich die jeweils andere Generation zu verstehen und verstanden zu werden. - Kaum hilfreich:-) solche Einsicht, wenn man es nicht praktiziert und auf Effizienz immer wieder auch befragt und korrigiert.

Grüße von Sven