Pazifismus contra Bellizismus
falsche These: "Das Wort Bellizist bezeichnet Kriegsbefürworter, Kriegstreiberinnen, letztendlich Menschen, die Krieg dem Frieden vorziehen."
  
Hallo Pop.,

mit solcher Aussage verengst Du den Begriff Bellizismus auf eine Klientel von Leuten, die aus Raubgier oder soldatesker Romantik über Länder und Städte herfallen. Mittel und Ziel solcher Politik wären identisch kriegerisch, also "Bellizismus pur", wie man neudeutsch sagen würde. 

Auch solche Leute gibt es, aber a) bestimmen sie heute nicht mehr das Weltgeschehen, b) sind sie allenfalls ein Bruchteil dessen, was Bellizismus ist.

Umgekehrt ist auch der Pazifismus in seiner Hauptsächlichkeit kein Opfergang in die Kriege/Verbrechen von Schurken, sondern begrenzt seine Doktrinen und Gewaltfähigkeiten und Gewaltanwendungen auf die Fälle Verteidigung, wie es im innerstaatlichen Recht zivilisierter Staaten weitentwickelte Maßstäbe und Instrumentarien hat, die es global nachzuarbeiten gibt.

So wenig also der Pazifismus auf den gewaltlosen, wenngleich beachtenswerten Pazifismus zu reduzieren ist, so wenig ist der Bellizismus auf die Kriegslust zu reduzieren.

Vielmehr weisen die Hauptströmungen des Bellizismus heute das gleiche Ziel wie der Pazifismus auf: "Frieden, Freiheit, Demokratie."

Bellizisten unterscheiden sich von Pazifisten in der Mittel-Zweck-Relation, konkret in der AUSWAHL des Mittels Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. So jedenfalls prominent Clausewitz, wenn er vom "Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" spricht, so auch Außenminister Fischer und andere Politiker, wenn sie vom Krieg als "Ultima ratio" sprechen und sich für den Krieg entscheiden, wenn noch keiner war oder aber einer, in dem es um die Alternative der Parteinahme oder Friedensvermittlung geht.

Der Bellizismus unterscheidet sich vom Pazifismus also nicht im Willen zum Frieden, nicht im Ziel, sondern in den Methoden.

Nochmals wiederholt (auch ich lerne dadurch): 

Pazifismus begegnet dem Krieg 

- in seinen Ursachen durch interessenausgleichende Politik auf der Basis gemeinsamen Rechts, 

- schafft für Interessenkonflikte zivile Entscheider-Institutionen, 

- begnügt sich aber dabei nicht mit politischen Entscheidern (=Regierungen), sondern 

- teilt die Gewalten, die über den Einsatz von Gewalt entscheiden, insbesondere durch Schaffung von Legislative und Judikative, 

- bindet also die Regierungen (="Exekutiv-Gewalt" im Rechtssinne) an das Recht = Gesetzesvorbehalt und justizielle Nachprüfbarkeit,

- Einbeziehung von innenpolitischen Konflikten in die internationalen Zuständigkeiten, spätestens ab dem Niveau von Menschenrechtsverstößen und Bürgerkriegen, also Durchsetzung und allseitige Anerkennung des IStGH (Internationaler Strafgerichtshof) und seiner globalen Zuständigkeit. 

Der technische Fortschritt bedingt, dass neben den vorgenannten Prinzipien auch unmittelbar technische Kriegsfähigkeiten in den zu schaffenden Kontrollrahmen einbezogen gehören:

- Verbote bzw. mindestens internationale Kontrolle für Rüstungsindustrie und den Waffenhandel,

- Verbote bzw. mindestens internationale Kontrolle über die Bewegungen und den Einsatz militärischer Potentiale außerhalb des unmittelbaren Hoheitsgebietes,

- Verbote bzw. mindestens internationale Kontrolle über nationale Bedrohungspotentiale.

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Das ist eine Menge, was die Politik zu erledigen hat, um Kriegsgefahren und Unrecht zu verringern. 

Pazifistische Politik ist "im Prinzip" aus jederlei ideologischer und religiöser Perspektive rational nachvollziehbar und machbar. 

Pazifismusunfähigkeit beschränkt sich auf solche ideologischen Ausnahmen wie diktatorische Regimes mit imperialen oder Welteroberungsgelüsten, von denen sich die Welt jedoch längst und deutlich überwiegend abgewendet hat und zumindest "im Prinzip" die Gleichberechtigung aller Menschen anerkennt, wenngleich man noch immer wenig für die weltweite Chancengleichheit tut, weil es in den Machtzentren an diesbezüglicher Interessiertheit mangelt und deshalb auch wenig Kompetenz dafür vorhanden ist.

Ich gebe ich Dir zu: In Art und Weise meines Bellizismus-Begriffs hat er polemischen Beigeschmack, ist "Schimpfwort" schon deshalb, weil Bellizisten sich nicht als solche bezeichnen lassen mögen, wenn ihre Ziele doch ebenfalls "gut" sind. 

Dennoch ist das "Mittel Krieg" von solcher Unheilsintensität, dass diejenigen, die zu wenig zu seiner Verhinderung, Eindämmung tun und sich stattdessen sogar für die Gewalt über die Verteidigung hinaus noch immer als "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" entscheiden, auch die Polemik und den Schimpf ertragen sollen.

Grüße von Sven      
gehacktesForum           DISKUSSION
20040608
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